Warntafel-Wahn, Fotografie in der Öffentlichkeit

14. September 2026

 

fotoHeute mal einige Überlegungen zum Reisen mit dem VW-Bus-Camper sowie zur Fotografie in der Öffentlichkeit. 

Die Kunst des Packens

Wir führen für unsere Reisen mit dem Bulli ein sorgfältig austariertes Maß an Reisegepäck mit uns. Nur unbedingt Nötiges kommt mit, was schon ein »Sport« für sich ist: Jede Reise ergibt aufs Neue kleine Optimierungsideen, die Anpassungen am Gepäck nach sich ziehen. Jeder Teil der mitgenommenen Dinge ist ganz speziell auf geringes Packmaß ausgelegt und jedes Packstück, jeder Artikel hat seinen Platz irgendwo im Stauraum. Nichts liegt herum oder muss umgeräumt werden, so dass der Wohn-, Ess- und Schlafbereich im Fahrzeug, so beengt er auch sein mag, stets frei bleibt.

Nur so gefallen uns weite Reisen über lange Zeiträume und ergeben zudem die amüsierte bis entsetzte Frage, wozu zwei Reisende so große Campingfahrzeuge benötigen, wie sie ansonsten fast nur noch in der Weltgeschichte herumgondeln und überall unnötig viel Platz versperren.

Warntafel-Wahn

Nun kommt Italien und verlangt zwei riesige Warntafeln, wenn Ladung über das Fahrzeug-Heck hinausragt und zugleich die gesamte Fahrzeugbreite einnimmt. Das betrifft ausdrücklich auch außen am Fahrzeug angebrachte Fahrradträger. Der damit verbundene Aufwand ist beträchtlich, insbesondere, wenn man wie wir häufige kleinräumige Ortswechsel im Zielgebiet unternimmt.

Sinnloser Aufwand

Vor einer Fahrt in Italien muss die mühselig befestigte einzelne Warntafel vom leeren Fahrradträger abgefummelt werden. Dann kommen die Räder auf den Fahrradträger. Anschließend müssen zwei Warntafeln mühselig an den Fahrradträger wieder drangefummelt werden. Am Ende der Fahrt ist es umgekehrt: Erst zwei mühselig drangefummelte Warntafeln abnehmen, dann die Fahrräder vom Träger nehmen und eine Warntafel an den leeren Fahrradträger wieder dranfummeln. Die verbleibende, riesige und sperrige Warntafel muss dann im ohnehin knappen Stauraum verstaut werden. Und das wiederholt sich bei jeder noch so kleinen Fahrt.

Bremsfallschirme

Ein weiterer gravierender Nachteil ist, dass bereits eine einzelne Warntafel am Fahrzeugheck wie ein Bremsfallschirm wirkt. Mit zwei davon herumfahren zu müssen verdoppelt diesen Effekt. Ein enormer Luftwiderstand, der bei größeren Campingfahrzeugen, wie sie heutzutage fast nur noch vorkommen, nicht ins Gewicht fällt. Beim Bulli nehmen die zwei Warntafeln hingegen das gesamte Heck des Fahrzeugs ein und ziehen gut verzurrt während der Fahrt permanent an Heckklappe, Fahrradträger und Fahrrädern. Der reine Irrsinn.

Fadenscheinige Begründung

Italien begründet die Warntafel-Pflicht damit, dass nachfolgende Fahrzeuge anderenfalls nicht erkennen könnten, dass ihnen da etwas vom vorausfahrenden Fahrzeug aus entgegenragt. Die Fotografie unserer Fahrt an den Lago Maggiore hier zeigt den Unsinn dieser Behauptung. Egal ob bei Tag oder in der Nacht, wir meinen, wer diese Traglast ohne Warntafel am vorausfahrenden Fahrzeug übersieht, ist offensichtlich fahruntauglich und darf unserer Meinung nach nicht am Straßenverkehr teilnehmen.

Absurd, dass drei europäische Länder allen Ernstes meinen, eine bzw. zwei Warntafeln für Fahrräder zu benötigen, wo doch die angeführten Gründe gar nicht schlüssig sind. Entsprechend wenig überraschend kommen alle anderen europäischen Länder ohne Warntafel prima aus.

Es könnte ja sein, dass es zu einem gewissen Teil Kalkül und Absicht der betreffenden Länder ist und in Wahrheit dazu beitragen soll, den Zustrom von Besuchern zu begrenzen, was dann in unserem Fall gut funktioniert. Ob das stimmt weiß ich nicht, ist aber für das Ergebnis einerlei.

Keine Duldung von Schikanen

Es erscheint überzogen, gleich ganze Länder als Reiseziel zu streichen. Jedoch ist es zumindest für uns eine erhebliche Einschränkung, von derlei unsinnigen Regelungen gezwungen zu werden, ohne nachvollziehbaren Grund auf wesentliche Qualitäten des Reisens mit dem Bulli zu verzichten.

Unsere Planungen für zukünftige Reisen schließen Italien, Spanien und Portugal jedenfalls nach wie vor ein. Zuletzt gaben wir aber dann immer anderen Ländern den Vorzug, auch, weil die fortwährenden Warntafel-Fummeleien dort schlicht entfallen können. Im Jahr 2026 blieben wir so auf Usedom sowie an der Flensburger Förde, in Frankreich und in Dänemark komplett von Warntafel-Schikanen verschont.

Europa hält eine große Fülle schöner Reiseziele als Alternative bereit. Sehr wahrscheinlich wird uns trotz anderer Vorzüge die sinnlose Warntafel-Gängelei auch in Zukunft eher aus Italien, Spanien oder Portugal fern halten.

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Fotografien in der Öffentlichkeit sind ein breites Feld und deren Publikum ist ebenso breit gemischt. Das bringt es mit sich, dass kaum ein zweiter Betrachter eine solche Fotografie mit einer vergleichbaren Wahrnehmung sieht. Ich kann daher nur für mich sprechen, wenn ich sage, welche Dinge hierbei für mich eine wesentliche Rolle spielen.

Hier ein paar Aspekte von insgesamt noch vielem mehr.

Mittendrin

Nicht nur nah dran sondern mittendrin in einer Szenerie zu sein, ist für mich eine wesentliche Voraussetzung, die nur mit einer Kombination aus eingesetzter Optik und der eigenen Position heraus entsteht. Eine feste Brennweite von 28mm lässt überhaupt keine andere Möglichkeit, als beispielwesie direkt in eine Gruppe Menschen hineinzutreten, um die gewünschte Mittendrin-Ansicht zu erzielen. Jenen Blickwinkel zu erreichen ist kein Dogma oder Selbstzweck. Er bewirkt, dass sich Details und auch eine Nähe zum Geschehen erschließen, die es sonst nicht ins Bild schaffen.

Harmonie

Der öffentliche Raum ist selbst dann noch chaotisch, wenn er komplett menschenleer ist. Sind Menschen mit im Bild, was in der Öffentlichkeit ja eher die Regel ist, wird es umso unvorhersehbarer. Dennoch ist für mich die Harmonie von Farben, Licht und der Komposition von Bildelementen ein weiterer wesentlicher Faktor bei Fotografien in der Öffentlichkeit, die es aktiv zu berücksichtigen gilt.

Aufnahmen, für die eine solche aktive Komposition angewendet wurde, ist es auf Anhieb gar nicht anzusehen, dass für deren harmonische Balance nicht einfach nur drauflosgeknipst wurde.

Das klingt einfacher, als es sich in der Praxis erzielen lässt, schließlich ist der Mix aus Farben und Formen einem unaufhörlichen Wechsel unterzogen und zu mehr als neunzig Prozent gibt es störende Elemente, die einen ansonsten harmonischen Bildausschnitt zerstören. Gepaart mit dem Element des zufälligen Moments ist es also von entscheidender Bedeutung, auf das Chaos und die Vielfalt eine ordnende Kraft auszuüben, wie sie bei der Wahl des Bildausschnitts und der Wahl des Moments zum Auslösen Anwendung findet.

Menschen

In Bildern aus der Öffentlichkeit sind Menschen in aller Regel nicht wegen ihrer selbst im Bild sondern bilden lediglich Gestaltungselemente einer Komposition oder tragen durch die Sprache von Gestik, Haltung, Kleidung oder auch durch ihre Gesichtsausdrücke und Handlungen zum Gesamteindruck der Aufnahme bei. Manchmal mag all das sogar ein westentlicher Teil einer Fotografie sein. Entscheidend ist, dass nicht das Individuum seiner selbst willen im Bild erscheint sondern wegen seiner spontan, zufällig und unerwartet dem Bild des öffentlichen Raums gespendeten Eigenschaften.

Da sämtliche von Menschen im Bildausschnitt beigesteuerten Teile einer Aufnahme nicht vorhersehbar und zufällig aus dem Moment heraus ins Bild gelangen, kommt es allein dem Fotografen zu, genau den Moment und den Bildausschnitt zu wählen, in dem alles richtig zusammenkommt. Jener Moment lässt sich mit den Protagonisten nicht vorher absprechen.

Es ist aber ein Unterschied, ob Menschen in einem Bild des öffentlichen Raums aufgenommen werden, weil sie auf irgendeine Weise zur Schau gestellt werden sollen oder ob sie zufällig im Bild sind und Handlungen oder Aussehen beisteuern, die ohne die Zurschaustellung einzelner Figuren dem Gesamteindruck der Aufnahme förderlich sind.

Ein gehöriges Maß an Respekt und gegenseitiger Achtung ist bei diesem Element unerlässlich. Es wäre aber meiner Meinung nach falsch, die von Menschen mit ihren Handlungen und Erscheinungen in der Öffentlichkeit beigetragenen Elemente aus Bildern der Öffentlichkeit fern zu halten. Es entstünde damit eine vollkomen falsche Darstellung unserer Welt.

Spontaneität

Auch hieraus soll kein Dogma werden, aber in aller Regel müssen all jene Elemente zufällig in einem Bild zusammenkommen, was recht selten der Fall und noch viel seltener in Einklang mit der eigenen Beobachterposition zu bringen ist. Momente ereignen sich nun einmal plötzlich und verschwinden ebenso schnell wieder.

Es ist einer Aufnahme anzumerken, ob sie erzwungen, konstruiert, arrangiert oder gestellt ist, wie es häufig von Fotografen zu sehen ist, die sich eine Szenerie zurecht legen und dann darauf warten, dass ein vorbestimmtes Ereignis eintritt, wie etwa, dass eine Person durchs Bild tritt und eine Silhouette beisteuert oder einen bereits gewählten Hintergrund in mehr oder weniger origineller Weise ergänzt.

Solche Manipulationen sind der Wirkung von Fotografien in der Öffentlichkeit abträglich, weil sie im Grunde einfach nur gestellt sind.

Automatik oder Manuell

Mit Digitalkameras kann bedenkenlos jederzeit bei allen noch so schwierigen Lichtverhältnissen eine schnelle Belichtungszeit und eine kleine Blende voreingestellt werden. Die Auto-ISO-Automatik sorgt dann ohne Zutun des Fotografen für die stets passende Nachführung der Lichtempfindlichkeit (ISO). Auf diese Weise werden Bewegungen immer zuverlässig gestoppt und es wird immer eine maximale Schärfentiefe erreicht. Ganz automatisch.

Ohne Automatik lässt sich ähnliches erzielen, wenn Blende und Zeit vorgewählt und das Objektiv vorfokussiert wird. Allerdings erfordert derlei manuelles Vorgehen ein permanentes händisches Anpassen von Blende und Fokus an wechselnde Lichtverhältnisse. Dafür hat der Fotograf es selbst in der Hand, welche Lichtsituation und Farbanmutung er erzielt und hat dies nicht der Maschine überlassen oder muss mühselig in der Nachbearbeitung am Ergebnis »herumschrauben«.

Film oder Digital

Bilder auf Film ergeben eine Anmutung, die digitale Fotografien noch immer nicht erreichen. Wer aus diesem Gund auf Film fotografiert, nimmt große Einschränkungen gegenüber der Digitalfotografie in Kauf und muss sich in vielerlei Hinsicht beim Bilder machen mehr anstrengen.

Das mag für den kreativen Inhalt und Wert einer Fotografie im Ergebnis keine Rolle spielen. Für mich zumindest ist dieser Aspekt allerdings im Gegenteil von entscheidender Bedeutung.

Den »kreativen« Wert und Inhalt einmal ganz außer Acht gelassen sind die Ergebnisse von Fotografie auf Film den Mehraufwand nicht nur wert. Film ist nicht zu ersetzen. Wer Film den Vorzug gibt, wird für den entsprechenden Aufwand zu wenig gewürdigt.

Fazit

Eine Fotografie in der Öffentlichkeit muss bestimmte Attribute aufweisen, damit sie für mich »funktioniert«. Jeder mag und soll das handhaben wie er will. Es muss nicht eigens eine Einordnung in ein bestimmtes Genre erfolgen und wenn, sollte jede eventuelle Zugehörigkeit zu einem Genre ohne elitäre Anwandlungen einher gehen.

Viele Angehörige elitärer Kreise der Fotografie erkennen eine gute Fotografie noch nicht einmal, wenn sie direkt vor ihnen hängt, nur, weil sie nicht den nötigen großen Namen als Urheber trägt, der ihnen die Ablage in die entsprechende Schublade ermöglichte.

Trotzdem kann auch ohne solches Schubaldendenken eine gute Fotografie von irgendwas gemacht und sie als solche hergezeigt werden.

In gewissen Kreisen ist alles »Street Photography«, was die in der Regel elitär gemeinten Zuschreibungen »Street Photography« und »Street Photographer« wegen ihrer inflationären und häufig schlicht nicht zutreffenden Verwendung mir eher als ein Makel als eine erstrebenswerte Einordnung erscheinen lässt. Inwieweit jemand meint, er oder jemand anderer sei »Street Photographer« oder mache »Street Photography« ist nicht wichtig.

Ich möchte einfach nur die Bilder sehen, dann kann ich mir selbst ein Urteil bilden.

Bild:
Gut gepackt ist halb gewonnen
Frankfurt, März 2026
Summicron-M 28, Kodak Ultramax
© Ulrich Hilger





 

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