8. September 2026
Schon klar, Einträge hier im Journal ändern nichts. Es ist aus diesem Grund auch für gewöhnlich meine Absicht, an dieser Stelle nicht allzuviel Worte über Politik zu verlieren. Gelegentlich gelingt das aber einfach nicht und wo wenn nicht hier gehören Dinge hin, die mir gerade so durch den Kopf gehen.
Der gestrige Beitrag hier im Journal kommentierte die Wahl in Sachsen-Anhalt. Im Anschluß daran befaßt sich der heutige Journalbeitrag mit den Menschen in unserer Regierung, allen voran mit dem Bundeskanzler.
Allein während und nach der Wahl in Sachsen-Anhalt kam immer wieder die Frage auf, welche Zusammenhänge dazu führen, dass die AfD stetig zu diesem Zuspruch gelangen kann. Es werden verschwörungstheorie-artige Konstrukte angestrengt, »das Internet« oder soziale Netze, TikTok usw. hätten daran einen großen Anteil. Es werden Analysen über das Wählerverhalten veranstaltet um zu ergründen, ob es möglicherweise bestimmte Bevölkerungsschichten sind, etwa junge, alte, sozial schwache oder auch bildungsferne Menschen, die »schuld« am AfD-Erfolg an den Wahlurnen sind, nur, um festzustellen, dass stattdessen jener Erfolg sich durch alle Bevölkerungsschichten gleichermaßen zieht.
All das dürfte keine Überraschung sein, wenn die Regierenden, aber freilich auch viele Andere, sich einmal mit Wesen und Ausprägung des Faschismus beschäftigten, was augenscheinlich nicht der Fall ist.
Faschismus muss, um als politische Bewegung erfolgreich zu sein, eine Massenbasis haben. Er muss nicht nur die angstvolle Unterwerfung, sondern auch die aktive Kooperation der großen Mehrheit des Volkes sichern. Da er durch seine bloße Natur Wenige auf Kosten der Mehrheit begünstigt, kann er nicht gut verkünden, die Situation der Mehrheit ihren wirklichen Interessen entsprechend verbessern zu wollen. Er muss deshalb in erster Linie an emotionale Bedürfnisse - oft die primitivsten und irrationalsten Wünsche und Ängste - appellieren und nicht an das rationale Selbstinteresse.
Theodor W. Adorno - Studien zum autoritären Charakter
Hier findet sich, ebenso handlich wie präzise in einem Absatz zusammengefasst, die Antwort auf die Frage »woran hat et jelegen?«.
Nicht dumm wäre, wenn Angehörige unserer Regierung sich diesen Schlüssel zum Wesen des Faschismus zunutze machten und durch Handlungen der Regierung Ergebnisse erzielten, die jene primitivsten und irrationalsten Wünsche und Ängste zerstreuten und durch Sicherheit und Zuversicht ersetzten. Die Regierung signalisierte so den Menschen, an ihrer Seite zu stehen.
Dumm ist, wer stattdessen die Erkenntnisse zum Wesen des Faschismus missachtet und das Land spaltet in »vernünftige Menschen« und »Wutbürger«. Und fatal ist, wenn solche Dummheit vom Bundeskanzler ausgeht, der genau das tat, als er noch vor der Wahl in Sachsen-Anhalt angesichts der Umfragewerte der AfD meinte, sinngemäß sagen zu müssen, dass die CDU das wohl sähe und auch gewillt sei, dem abzuhelfen, dass man sich aber bitteschön auch nicht von abseitigen Gefühlen fehlgeleiteter Wutbürger beirren lassen dürfe.
Jenen, die an dieser Stelle noch Fragen haben, sei hier zum mitschreiben mitgegeben: Es ist nicht wichtig, wie irrational oder primitiv Wünsche und Ängste in Teilen der Bevölkerung bestehen. Der Ansatz muss sein, an die Stelle jener Wünsche und Ängste ein Miteinander zu setzen, das allen Menschen echte Chancen zur Teilhabe an unserer Gesellschaft aufzeigt. Bundeskanzler und Regierung müssen damit stets und unaufhörlich auf alle Menschen zugehen und sie von überall dort mitnehmen, wo sie sind.
Was erlaubt sich ein Kanzler, der stattdessen den Menschen in Bausch und Bogen signalisiert, sie seien Drückeberger, Wutbürger oder faul und müssten jetzt aber mal einen Zahn zulegen. Was denkt sich ein Kanzler, der an den prekärsten Stellen im Land Kürzungen vornimmt, während an anderen Stellen Unsummen an Reichtümern gehortet sowie Unsummen an Profiten gescheffelt werden und das »Reformen« nennt. Der Bundeskanzler schadet Deutschland mit diesen Handlungen und Aussagen, spaltet das Land, zerstört, was vom Solidarprinzip noch übrig ist und hinterlässt lediglich verbrannte Erde.
Herr Merz und seine Regierung haben die AfD nicht halbiert, sie haben dem Faschismus in unserem Land zu neuer Größe verholfen und sich damit zum Narren gemacht. Herr Merz und alle, die ihm nach dem Munde reden, haben ihre Chance vertan. Die Menschen werden das nicht verzeihen und an der Wahlurne antworten.
Bild:
Narren
Mainz, Februar 2025
Kodak Ultramax, Summicron-M 28
© Ulrich Hilger
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