7. September 2026
Sachsen-Anhalt hatte die Wahl. Und hat mehrheitlich für den Rechtsextremismus gestimmt.
Dass der Rechtsextremismus ausgehend von diesem Land die ganze Welt in einen Krieg gestürzt hat, der 80 Millionen Menschen das Leben kostete, dass von Nazi-Deutschland Millionen von Menschen mit einer teuflischen Maschinerie deportiert und grausamst vernichtet wurden, ist ja schließlich schon mehr als achtzig Jahre her. Da kann man es ja vielleicht mal wieder mit dem Rechtsextremismus versuchen, nach so langer Zeit. Es wäre doch schade, die Mechanismen der Machtergreifung noch länger ungenutzt zu lassen.
Á propos Mechanismen und für all jene, die es noch nicht wußten: Mit dem Buch »Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft« hinterließ Hannah Arendt dem interessierten Zeitgenossen eine präzise Analyse, was passiert, wenn eine Demokratie in die Hände von Rechtsextremen und mithin des Totalitarismus gelangt. Nur für den Fall, dass die armen Menschen in Sachsen-Anhalt dereinst sagen, das hätten sie alles doch nicht wissen können. Doch. Hätten sie. Für 28 Euro.
Was die armen Menschen anbelangt, die in Sachsen-Anhalt AfD wählten, muss ich an das Kochrezept »Nilpferd in Burgunder« von Loriot denken.
Nilpferd in Burgunder
Etwas für festliche Tage, vorausgesetzt, dass sich das Nilpferd in Burgunder wohl fühlt. Nilpferd waschen und trocknen, in passendem Schmortopf mit 2000 Litern Burgunder, 6 bis 8 Zwiebeln, 2 kleinen Mohrrüben und einigen Nelken 8 bis 14 Tage kochen, herausnehmen, abtropfen lassen und mit Petersilie servieren.
Ganz offensichtlich fühlen sich jene AfD-Wähler einfach wohl in Burgunder und lassen sich gerne darin abkochen. Sie finden es nicht schlimm, wenn ihnen eine rechtsextreme Partei mit Wutparolen aus der Seele spricht, nur, um ihre Stimmen zu erhalten. So einfach ist es, Menschen für sich einzunehmen. Man muss nicht ihre Probleme lösen sondern tut einfach so, als teile man ihre Gefühle.
Ausländer raus. Die da oben sind an allem schuld. Die EU muss weg. Raus aus dem Euro. Benzin-Abzocke. Heizungshammer. Tiefer Staat. Und immer so weiter.
Die armen Menschen in Sachsen-Anhalt wissen ja gar nicht mehr, wo ihnen der Kopf steht. Ebenso erging es den armen Menschen in Thüringen.
Hat mal jemand gefragt, ob es den armen Menschen in Thüringen seit ihrer AfD-Wahl schon besser geht? Und wo es ihnen überhaupt weh tut? Und was Fremde damit zu tun haben?
Die AfD freut sich gerade wie Bolle. Und mit ihr alle Rechtsextreme und Totalitäre. Vielleicht wollten ja die knapp 44 % der Menschen in Sachsen-Anhalt, die die AfD gewählt haben, da einfach mal dazu gehören. Zu denen, die sich freuen können. Zu den Gewinnern. So wie damals, vor achtzig Jahren. Dafür vergisst man offensichtlich gerne, wie der letzte Versuch ausging.
Demnächst fragt dann vielleicht mal jemand, ob die armen Menschen in Sachsen-Anhalt jetzt die Regierung haben, die sie sich wünschen. Und wie es ihnen geht. Und ob man sonst noch etwas für sie tun kann. Nur so damit deren Gefühle und Befindlichkeiten mal jemand wahrnimmt.
Nicht, dass das im Rest des Landes so üblich wäre. Dort kümmert man sich schon selbst um sein Fortkommen. Aber das hat den armen Menschen in Sachsen-Anhalt einfach noch niemand erklärt. Und selbst darauf gekommen sind sie eben auch noch nicht.
Um zum Schluß noch einmal Hannah Arendt zu bemühen: Es hat gerade einmal etwas mehr als achtzig Jahre gedauert, um sie wieder erstehen zu lassen. Jetzt neu: Die Banalität des Bösen Live und in Farbe, gewürzt mit einer Prise »wohldosierter Grausamkeit«.
Bild:
Es braut sich was zusammen
Sønderborg, August 2026
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© Ulrich Hilger
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