Ich kenne das schon

3. März 2026

 

fotoIch habe überlegt, ob und wenn ja wie ich an dieser Stelle von meinem Zustand schreiben werde. Heute, ein Jahr nach Therapiebeginn gab eine beiläufige Begebenheit den Anstoß und zugleich den Wunsch, dies zu tun.

Klar ist, niemand kann es nachvollziehen ohne selbst betroffen zu sein. Wie auch immer, dies ist die Geschichte.

Als ich heute wie seit genau einem Jahr jeden Monat meine Medikamente aus der Apotheke hole, fragt mich die Apothekerin, als sie die Schachtel aushändigt

»Sie kennen das schon?«

So als verkaufe sie gerade ein Schnupfenmedikament und wolle gleich anbieten, dessen Handhabung zu erklären, falls der Patient es nicht kennt. Aber sie weiß, dass sie kein Schnupfenmittel verkauft sondern ein Medikament gegen Krebs. Kein Patient bekommt ein Rezept für ein Krebsmedikament ohne eine entsprechende Vorgeschichte hinter sich zu haben und mit seinen Ärztinnen und Ärzten eingehendst die Situation und mögliche Therapien durchgegangen zu sein. 

Ich halte inne, bleibe die Antwort schuldig und sehe sie stattdessen durchdringend mit einem ausgeprägten »was glauben Sie wohl?«-Blick an. Hätte ich eine Antwort geben müssen, wäre die korrekte Entgegnung etwas zu weitschweifig ausgefallen, aber um korrekt zu sein, hätte die Antwort wie folgt lauten müssen.

Seit mehr als einem Jahr weiß ich von den Metastasen in meinem Brustkorb. Prostakrebs, dessen Diagnose zuvor mittels einer Biopsie festgestellt wurde, woraufhin kurz vor Weihnachten 2024 eine Prostatektomie folgte, an deren Komplikationen ich nur dank einer wenige Tage später folgenden explorativen Laparotomie nicht gestorben bin.

An die Eingriffe war exakt so lange die Hoffnung auf Heilung geknüpft, wie es dauerte, bis die im Anschluß zur Überprüfung gemachte Szintigrafie verbliebene Knochenmetastasen ergab. Diesen Monat jährt sich erstmals der Beginn der Hormontherapie aus Enzalutamid und Leuprorelin, die jene Metastasen in Schach halten soll.

Gemäß der Ergebnisse regelmäßiger Blutentnahmen gelingt das bislang und stellt den Grund dar, warum ich mit schöner Regelmäßigkeit jeden Monat in der Apotheke erscheine, um mir meine Monatsration abzuholen, die übrigens nicht ein einziges Mal in dieser Apotheke vorrätig war, was wie auch dieses Mal erforderte, zur Einlösung des Rezepts zweimal an einem Tag vorbei zu kommen.

Ausnahmslos jeder Mensch, der in einer Apotheke aufkreuzt und ein Rezept für Enzalutamid einlöst, wacht den Rest seiner Tage jeden Morgen mit der Gewißheit auf und schläft jeden Abend mit ebenjener Gewißheit ein, dass der Krebs auf die terminale Phase zusteuert und ihn schließlich umbringen wird, wenn diese Therapie ihre Wirkung verliert, was für ausnahmslos alle Fälle früher oder später eintritt.

In meinem Fall sind es inzwischen 397 solche Tage. Also die kurze Antwort auf die Frage lautet »ja, ich kenne das schon«, aber ich beließ die Erwiderung beim schon erwähnten Blick.

Bild:
Ein gemeinsamer Lebensabend, wie ihn sich die Menschen wünschen
Isola Bella, Lago Maggoire, Oktober 2024
Kodak Portra 400, Summicon-M 28
© Ulrich Hilger

René Fischer schrieb 03.03.2026 18:51

Lieber Ulrich! Dein Artikel hat mich kurz sprachlos gemacht. Man vergisst gern, wie nah dieses Thema ist und für jeden von uns morgen zum einzigen und bestimmenden Thema werden kann. Ich habe vollste Hochachtung vor dir diesen Beitrag zu verfassen. Für alles was auch immer kommen mag, viel Kraft. 

Ulrich schrieb 03.03.2026 19:04

Ziel ist, es trotzdem nicht zum bestimmenden Thema werden zu lassen, so lange es geht. Danke Dir sehr für Deinen Beistand.





 

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