Widrigkeiten

20. Juli 2023

 

foto Das Wetter ist häufig Thema hier im Journal, was nicht so sehr daran liegt, dass es keine anderen Themen gäbe, sondern, weil es ein wichtiger Faktor beim Fotografieren ist. Wir haben seit einiger Zeit beispielsweise im Sommer viel mehr Helligkeit, als es in unseren Breiten üblich ist. Viel Sonnenschein bringt nicht nur Hitzerekorde sondern eben auch hervorragendes Licht.

Umgekehrt gilt das aber ebenso: Mit dem vielen Sonnenschein kann aus dem Blick geraten, dass es auch mal Regen geben kann. Wie neulich: Ausgerechnet an dem Tag, den sich Frankfurt für die diesjährige CSD-Parade ausgesucht hatte, kündigte sich Regen an.

Es begann erst wieder sonnig und warm, um sich am Nachmittag dann zügig zu verschlechtern. Dieses Mal auch nicht nur punktuell, wie bei Gewitter manchmal. Den ganzen Nachmittag bis in den Abend hinein wechselten Wolken, Regen sowie vereinzelt Donner und Blitz. Dabei war es stellenweise stockdunkel, es schien, als sei bereits der Abend angebrochen.

Das Fotografieren auf Film erfordert in solchen Fällen eine eigene Logistik. Bei einer Digitalkamera kann einfach die Lichtempfindlichkeit hochgeschraubt werden. Selbst bei Dunkelheit gelingen noch Bilder mit kleiner Blendenöffnung und entsprechend großer Schärftentiefe, wie es für Momentaufnahmen auf Film bei solchem Licht nahezu undenkbar wäre.

Bei Film geht es schon damit los, das vermutlich vorherrschende Licht so vorweg zu nehmen, dass überhaupt der richtige Film in der Kamera ist. Zumindest, wenn nicht für alle Fälle Unmengen von Ausrüstung mitgeschleppt werden soll, von der dann stets 80% ungenutzt umhergetragen wird.

Selbst mit einem lichtempfindlichen Film sind es dann in der Regel nicht mehr als 800 DIN/ISO, was sich bei den erwähnten Lichtverhältnissen gerade einmal entlang der Grenze des Machbaren bewegt. Noch dazu müssen fortwährend die Belichtungseinstellungen gewechselt werden, die Lichtmenge schwankt alle paar Meter um mehrere Blenden und wegen der vergleichsweise geringen Schärfentiefe der bei schlechtem Licht gezwungenermaßen großen Blende ist auch noch unablässig der Fokus auf die gerade passende Entfernung nachzuziehen.

Herausforderungen, die in der Digitalfotografie überhaupt nicht bekannt sind. Entsprechend wenig Anklang finden Aufnahmen, die bei solchen Verhältnissen auf Film entstehen. Aber das macht nichts. Auch, wenn jene Zusammenhänge aus dem Blick geraten, die Ergebnisse sind die Mühe wert.

Alltägliche Szenen in der Öffentlichkeit, die eigentlich nichts Besonderes enthalten, entfalten doch mit ihrer Dichte und Dynamik für manche Betrachter ihren Reiz. Bei Regen gewinnt das Gewimmel noch Facetten hinzu. Regenschirme, die aus der Menge ragen, das spärliche Licht reflektierende nasse Oberflächen und Menschen, aus deren Gestus zu sprechen scheint, eilends den Regentropfen entkommen zu wollen.

Aber es kommt so vor, als seien die so entstehenden Aufnahmen den heute maßgeblichen Instanzen nicht würdig. Oder lassen andere Qualitäten vermissen, die vielleicht heutzutage in der Szene irgendwie en vogue sind. Man weiß es nicht. Gefeiert werden die immer gleichen Stereotype: Harte Kontraste, plakative Farben, pointierte Zusammenrückungen (neudeutsch juxtapositions) oder vom Bildausschnitt bis zur Abstraktion zerteilte Objekte, uvm. müssen es sein, am besten gleich alles zusammen, damit ein Fotograf Anklang findet.

Beobachtung weicht Sensation und gewissen Schlüsseleigenschaften. Eine besondere Mischung aus dokumentarischem, beiläufigem, unaufgeregtem Blick des Flaneurs geht zusehends verloren und mit ihr ein Gespür für Stimmung, Atmosphäre, leise Untertöne. Sie werden Strömungen in der Fotografie geopfert, denen Alle für ein wenig Aufmerksamkeit nachjagen, gleichsam verstärkt von Online-Medien sowie einigen wenigen stilprägenden selbsternannten Kulturikonen. Es fehlt an Tiefe, Vielschichtigkeit. Solche Fotografie bleibt oberflächlich.

Gegen alle Widrigkeiten von Nässe, schlechtem Licht und allerlei Trends ist die Devise: Weitermachen. Die Kamera schnappen, losziehen und nicht beirren lassen.





 

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